Josephsohn Bildhauer
                             
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© Radio DRS, Echo der Zeit, 10. Mai 2007

von Gabriela Christen

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© SF 1, kulturplatz, 02. Mai 2007

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© Die Wochenzeitung, 10. Mai 2007

«Josephsohn Bildhauer»-Die Aarauer Laurin Merz und Matthias Kälin sind durch ihre Väter auf den Bildhauer Hans Josephsohn gestossen. Nun haben sie die Sprache der Bildhauerei in Filmsprache übersetzt.

Ein Abenteurer im Atelier

Von Sarah Stähli

Die Kamera blickt durchs Fenster ins Atelier, nähert sich behutsam dem Zürcher Bildhauer Hans Josephsohn, der dort seit über sechzig Jahren Tag für Tag arbeitet. Die Zigarre wie angewachsen im Mundwinkel, streicht er liebevoll Gips auf eine Figur, im nächsten Augenblick bearbeitet er die Masse energisch mit einem Beil. «Es ist gar nicht so kompliziert, oder?», meint er verschmitzt und kleistert eine weitere Schicht Gips auf. Immer wieder hält er inne und betrachtet durch den Rauch seiner Zigarre hindurch sein Werk, misst mit zugekniffenen Augen Abstände mit der Hand. Es sei wie das weisse Blatt beim Schreiben, am Anfang stehe man vor dem Nichts. Scheinbar zufällig und intuitiv spachtelt, schichtet und kittet er wie ein Besessener, und plötzlich ist ein Gesicht zu erkennen, zeichnet sich ein Bein ab.

Werden Sie Bildhauer!

Josephsohn ist Bildhauer aus Berufung, er wollte schon als kleiner Junge nur diesen einen Beruf ausüben. Als ihm sein Lehrmeister Otto Müller rät: «Josephsohn, werden Sie Bildhauer!», steht ihm nichts mehr im Weg. «Bildhauerei wurde zu meiner Heimat, die Bildhauer quer durch die Geschichte waren meine eigentlichen Verwandten.» Im Gespräch in seinem Atelier kratzt sich Josephsohn eingetrockneten Gips von den Händen und bemerkt beinahe nebenbei: «Als Nichtarier durfte ich in Deutschland keine Kunstschule besuchen.» Mit diesem Kapitel seines Lebens habe er abgeschlossen, die Erinnerung daran sei wie abgestorben, weit weg; Verbitterung verspüre er deshalb keine. 1938, mit achtzehn Jahren, flüchtet Hans Josephsohn seiner jüdischen Herkunft wegen aus dem ostpreussischen Königsberg in die Schweiz: «Mein Leben hat erst begonnen, als ich die deutsche Grenze hinter mir gelassen hatte.» Anfangs habe er oft gedacht: «Wenn ich schon das Glück habe, gerettet zu sein, muss ich jetzt wenigstens gute Arbeit leisten.» Josephsohn, dessen Arbeit sich konsequent mit dem menschlichen Körper beschäftigt, war lange nur einem kleinen Kreis von Kunstinteressierten ein Begriff. 2005 erscheint die heute einzige greifbare Monografie, Gerhard Macks schöner Band «Hans Josephsohn»; das in den achtziger Jahren erschienene Buch des marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz über den Künstler ist längst vergriffen. Seit einigen Jahren wird Josephsohn präsentiert, zwei Jahre später, 2003, erhält er den Kunstpreis der Stadt Zürich. Der Architekt Peter Märkli hat ihm ein eigenes schmales Museum in Giornico errichtet. Die beiden Aarauer Filmemacher Laurin Merz und Matthias Kälin - Letzterer hat sich vor allem als Kameramann einen Namen gemacht - sind durch ihre Väter auf Josephsohn gestossen. Der Schriftsteller Klaus Merz und der Maler Otto Kälin waren mit dem Bildhauer befreundet; ihre Söhne nun versuchen diese Freundschaft in ihrem Film weiterzuführen. Die Sprache der Bildhauerei sei für sie eine Fremdsprache gewesen, gestehen die Regisseure, eine Fremdsprache, die sie in die ihnen vertraute Sprache des Films umgesetzt haben. «Der Film erzählt unsere Sehschule und soll somit dem Betrachter den Zugang zum Werk erleichtern.» Die Dreidimensionalität der Skulpturen, die dem Medium Film fehlt, hätten sie durch die Musik von Alfred Schnittke zu vermitteln versucht.

Das Werk im Vordergrund

«Josephsohn Bildhauer» ist kein Künstlerporträt im klassischen Sinn. «Biografische Aspekte verstellen oft die Sicht auf das künstlerische Werk, und das Werk ist das Wesentliche», meint Kälin. Der einfühlsame, hervorragend fotografierte Film spielt denn auch grösstenteils im Atelier - dort, wo die Skulpturen entstehen und die unbändige Kreativität des eigenwilligen Künstlers sichtbar wird: «Ich habe alle Krisen, die im Leben auftreten, alle Abenteuer, die denkbar sind, in meinem Atelier erlebt.» Kälin und Merz verzichten ganz auf nostalgische Rückblenden und biografische Eckdaten. Sie lassen ausschliesslich Josephsohn selber zu Wortkommen; während er in einem Fotoalbum oder alten Skizzenbüchern blättert, gibt er nur so viel über sein Leben und Schaffen preis, wie er will.
Die Arbeit an seinen Skulpturen in der Kunstgiesserei von Felix Lehner und ein Ausstellungsaufbau im St. Galler Kesselhaus - in dem ein grosser Teil von Josephsohns Werk ausgestellt ist - beobachtet der Bildhauer hellwach und kritisch über den Rand seiner markanten schwarzen Hornbrille hinweg. Als Lehner in den siebziger Jahren Jürg Hasslers Film «Josephsohn - Stein des Anstosses» sah, war der damals Siebzehnjährige derart beeindruckt, dass er beschloss, eine Giesserei zu gründen. Josephsohns Frühwerk befindet sich heute in St. Gallen.

Der Prozess der Kreativität

Wenn Josephsohn am Morgen in sein Atelier kommt, raucht er erst mal genüsslich eine Zigarre und liest die Zeitung, dann erst zieht er sich seine Arbeitskleider über und beginnt. «Der Übergang vom Normalbürger zum Bildhauer ist nicht immer einfach», sagt er schmunzelnd. Nichts entstehe bei ihm aus Absicht. «Woher ein Konzept für eine Skulptur kommt, weiss ich nicht wirklich, vielleicht von der letzten Figur.» Am schönsten sei der Zustand, wenn er das Gefühl habe, «es schafft sich», wenn er getrieben werde und gar nicht mehr realisiere, dass er arbeite. Josephsohn, unglaublich vital und scharfsinnig, merkt man sein hohes Alter kaum an. Einmal, als ihm die Gipsspäne ums Gesicht fliegen, unterbricht er seine Arbeit abrupt, als sei er über sich selber erstaunt: «Ich bin 85, warum mache ich so einen Wahnsinn? Ich sollte am See spazieren gehen und die Schwäne füttern.» Später gibt er sich selber eine Antwort: «Wenn ich aus dem Prozess der Kreativität aussteigen würde, wäre ich tot.» Er denke und empfinde in Skulpturen, sagt Josephsohn. Erklären kann und will er seine Arbeit nicht. Manchmal habe er den Eindruck, die Haupteigenschaft seines Berufes sei, dass man unsicher bleibe. «Wie ich etwas gemacht habe, weiss ich oft nicht mehr, das weiss nur der liebe Gott - der Gott der Bildhauerei,nicht der allgemeine.»

«Josephsohn Bildhauer». CH 2007. Regie: Matthias Kälin und Laurin Merz.
Ab 10. Mai in Aarau und Zürich, weitere Städte folgen. www.josephsohn-film.ch
Ausstellungen
ST. GALLEN Sitterwerk, Kesselhaus Josephsohn,
Sittertalstrasse 34, Mi und So 14-18 Uhr.
www.kesselhaus-josephsohn.ch www.kunstgiesserei.ch
GIORNICO TI La Congiunta, Do-Di 8-17 Uhr, ohne Mi.

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© Tages Anzeiger, Samstag 5. Mai 2007


Josephsohns Universum

Ein Mann, schneeweisses Haar, Zigarillo zwischen den Lippen, verdrehte Hosenträger im Kreuz und Spatel in der Hand, arbeitet inmitten von archaischen Körpern und schrundigen Skulpturen. Weiss beherrscht das Set: Gips auf den Kleidern, Gips an den Händen, Gips vor allem rund um die Skulptur, die am Entstehen ist. «Wachstumsluft» nannte Paul Nizon vor Jahren den ständigen Arbeitsprozess in Hans Josephsohns Atelier, das nun auch Matthias Kälin und Laurin Merz als Dreh- und Angelpunkt ihres Dokumentarfilms «Josephsohn Bildhauer» dient und privates wie berufliches Universum des Zürchers verkörpert.

«Ich weiss nicht, was mich antreibt. Ich sollte in meinem Alter besser am See spazieren, Hunde streicheln oder schönen Frauen nachschauen», erzählt der bald 87 jährige Josephsohn. Und während er spricht - das filmische Porträt lässt fast ausschliesslich den Künstler zu Wort kommen - schlägt er mit einem Beil Gipsteile ab, greift hinein in die weiche flüssige Masse, spatelt über scharfe Kanten, setzt kleine Teilchen an oder verwirft die soeben erprobte Variante. Wortkarg sei er und raubeinig, einen Auf-der-Hut-sein-Charakter besässe er, konnte man einst über den auch in Zürich erst in den letzten Jahren ernsthaft wahrgenommenen Künstler erfahren. Dass Vertrautheit aber nicht mit grossen Worten erzeugt werden muss, zeigt das einfühlsame Porträt der beiden Dokumentarfilmer sehr schön. Josephsohns beiläufig zwischen Qualm und schwerem Atem platzierte Bemerkungen über Kunst, Konzepte und Alltag hören sich wie gemeisselte Lebensweisheiten an: «Ich denke in Plastiken.» «Es - nicht der Künstler - schafft.»

Aufnahmen an Originalschauplätzen in St. Gallen, Giornico oder in Italien unterbrechen die intime Szenerie im Zürcher Atelier. Momente der Sprachlosigkeit in Erinnerung an die jüdische Kindheit und an den Verlust der Eltern durch den Holocaust hinterlassen Gefühle der Trauer, ohne ins Weinselige zu kippen. Den beiden Autoren ist ein leiser, poetischer und immer wieder auch heiterer Film geglückt, der dem Visuellen viel Platz einräumt, nie mit grellen Gegensätzen arbeitet und dennoch in keiner Weise blass erscheint. Man glaubt am Ende das Lächeln des Künstlers auf dem Antlitz seiner schrundigen Halbfiguren wiederzuerkennen.
Feli Schindler



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© Aargauer Zeitung, MLZ, 9. Mai 2007

Kultur

von Sabine Altorfer

Ein Reise ins Innere der Bildhauerei

Kino Der Bildhauer Hans Josephson ist ein dankbares Filmsujet. Die beiden jungen Filmer Matthias Kälin und Laurin Merz stellen in ihrem ruhigen Künstlerfilm sein Schaffen in den Mittelpunkt.

Mit einem Blick durchs Atelierfenster nähern wir uns sachte dem Bildhauer. Er sitzt im Atelier, raucht, umgeben von seinen Skulpturen. Bald sind die Tramgeräusche und Kinderstimmen ausgeschlossen und das Atelier ist der Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Hans Josephson packt einen Kübel Gips, bricht Gipsplatten in Stücke, setzt sie an eine Figur an, streicht den flüssigen Gips mit Händen und Spachtel auf, die Zigarre im Mund, atmet, schaut, klatscht Gips, mal da-, mal dorthin, nimmt weg, schaut . . . und fragt: «Das ist nicht zu kompliziert, oder?»

Der Film ist betont langsam und als Zuschauerin lässt man sich gerne vom ruhigen Bilderfluss mittragen › und von der besonnenen Art wie der Bildhauer formt und sinniert und auf eine unhörbare Frage der Filmer antwortet. Man verweilt gerne in der Fülle der Arbeiten im Atelier und schaut gerne genauer hin, wenn Serien von Skulpturen gezeigt werden, unfilmisch, wie Standbilder.

Hans Josephson ist seit Jahrzehnten ein Geheimtipp unter den Künstlern und seine blockhaften Figuren aus Bronze gehören zum Eigensinnigsten, was in der Schweiz an figurativer Skulptur geschaffen worden ist. Dass zwei junge Filmemacher sich des 86-jährigen Bildhauers annehmen, mag erstaunen. Doch Laurin Merz und Matthias Kälin sind erblich vorbelastet. Ihre Väter › der Schriftsteller Klaus Merz und der Maler Otto Kälin › haben sie früh mit Josephsons Werk bekannt gemacht. «Wir haben beide seit Jahren, unabhängig voneinander, die Qualität von Josephson gespürt», erklärt Merz.

Für beide war klar, es soll kein üblicher Künstlerfilm werden mit Statementes von Freunden und Experten. Josephson ist zentral. «Dass wir Josephson bei der Arbeit filmen durften, war nicht von Anfang klar», erzählt Merz, «eigentlich mag er nicht, wenn ihm jemand zuschaut. Aber wir waren lange und oft bei ihm, und er hat sich wohl gefühlt.»

Das spürt man. Und fragt sich höchstens, ob man nicht merken sollte › formal oder bei den filmischen Mitteln›, dass hier nicht zwei alte Hasen, sondern zwei junge Filmer am Werk waren. Doch ihr Entscheid, dem Bildhauer Raum zu geben, war richtig. Josephson ist ein dankbares Filmsujet. Wenn er trocken und in knappen Sequenzen seine aussergewöhnliche Biografie erzählt, schmunzelt man trotz der Tragik. «Warum ich das mache, weiss der liebe Gott, jener der Bildhauerei › nicht der allgemeine.» Für solche Sätze liebt man ihn › und natürlich auch für seine Skulpturen, die seit 40 Jahren gleich aussehen und doch so wandelbar sind.

Josephson Bildhauer ab 10. Mai im Kino. Filmpremiere in Aarau mit den Filmemachern und Hans Josephson: 10. Mai, 20.30 Uhr, Freier Film.



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© züritipp Tages-Anzeiger, 10. Mai 2007

«JOSEPHSOHN BILDHAUER»

weiss, weiss, grau

Der Dokumentarfilm porträtiert den betagten Bildhauer Hans Josephsohn, der seine Kunst seit über 60 Jahren beständig weiterentwickelt.
Von Julia Marx

Ein Film in Weiss und Grau: Schlohweiss sind Hans Josephsohns Haare, weiss ist der Gips, mit dem der Bildhauer Schicht um Schicht seine Skulpturen fertigt, gräulich das Wachsmodell für den Bronzeguss, einige Nuancen dunkler die fertige Plastik vor der grauen Betonwand des Josephsohn-Museums in Giornico. Dieses Haus und die Ausstellung im Kesselhaus St. Gallen zeugen von der breiten Anerkennung, die dem inzwischen 86-Jährigen in diesem Ausmass erst seit einigen Jahren zuteil wird. 1920 in Königsberg geboren, floh Josephsohn, der jüdischer Abstammung ist, 1938 nach Zürich, wo er seither lebt. «Josephsohn, werden Sie Bildhauer», hatte ihm sein Lehrer, der Bildhauer Otto Müller geraten, und so kam es auch.

Der Kameramann Matthias Kälin, der schondiversen Künstlerporträts von Heinz Bütler zu wohl ausgeleuchteten Bildern verholfen hat (zuletzt «Die Nacht ist heller als der Tag»), hat zusammen mit Laurin Merz den betagten Künstler bei der Arbeit beobachtet. Die Filmemacher, die schon aus ihren jeweiligen Elternhäusern mit Werken des Bildhauers vertraut sind, machen sich den ruhigen Rhythmus von Josephsohns Arbeitsprozess zueigen, immer wieder gewähren sie lange Blicke auf die vollendeten Plastiken. Dazwischen gestreut sind Josephsohns Reflexionen zu seinem Werdegang und seinem Verhältnis zum Bildhauerberuf, der selbst nach über 60 Jahren noch bewirkt, «dass man unsicher ist». Solchen Gefühlen zum Trotz ist «Josephsohn Bildhauer» ein schönes Zeugnis dafür, dass es schon gut herauskommen kann, wenn einer nur immer beständig sein Ding macht.

Zürich, Arthouse Movie 1, 19 Uhr


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© www.students.ch, 4. Mai 2007

von: Christina Ruloff

Josephsohn Bildhauer

„Ich denke in Plastiken.“ Matthias Kälin und Laurin Merz öffnen die Welt des grossen Bildhauer Hans Josephsohn und schaffen ein Verständnis für seine Kunst in ihrem hervorragenden Dokumentarfilm.„Keine Arbeit entsteht ohne eine Vorstellung, die sich dann verändern kann“, erklärt Hans Josephsohn. Von aussen dringt kaum Lärm in sein Atelier, wo der lange in Kunstkreisen als Geheimtipp gehandelte und seit der Jahrtausendwende in der breiten Öffentlichkeit anerkannte und geachtete Bildhauer arbeitet. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, dass sein Werk „eine glaubwürdige ästhetisch bedeutende Antwort auf die Brüche und Verwerfungen innerhalb moderner Plastik verkörpert.
“Der Dokumentarfilm Josephsohn Bildhauer hat es sich zum Ziel gemacht, zu zeigen, wie Kunst entsteht und wie diese Kunst rezipiert und verstanden werden kann. Wer einen Blick auf eine Skulptur Josephsohns wirft, kommt nicht umhin zu bemerken, dass dies, das Rezipieren und Verstehen von Kunst, ein nicht ganz einfaches Unterfangen darstellt. Um uns an diesen Prozess heranzuführen, beobachtet die Kamera aber Josephsohn bei der Arbeit, beim Auftragen von Gips, beim Abschaben oder Abschlagen des Gipses, beim Vergleichen, Warten, Sinnieren und Staunen, beim Entstehen von Kunst. Ab und dann gibt der Künstler einen scharfsinnigen und ironischen Kommentar und erklärt, was er gerade warum und wie tut; und was für eine Wirkung er hinter seinen Skulpturen zu entdecken glaubt.
Dass man diesem bedeutenden Künstler gerne und gespannt 80 Minuten lang bei der Arbeit, beim kreativen Entstehenlassen einer Skulptur zusieht, liegt an der hervorragenden Kameraführung von Matthias Kälin (Martha Argerich, conversation nocturne, Hardcore Chambermusic, Hyènes), der zusammen mit Laurin Merz (Die Pionierfamilie Piccard, Taiwan Jetlag) das Buch geschrieben und Regie geführt hat. Die beiden verzichten auf unnötige Effekte, dramaturgische Kniffe zur „Spannungssteigerung“ der Story, sondern vertrauen voll und ganz auf die Ausstrahlung der Skulpturen und die Persönlichkeit von Josephsohn. Sie beobachten, zeigen und lassen zugleich Künstler und Publikum Zeit, sich auf die Werke einzulassen.
Dabei sind die Bilder oder Ausschnitte nie beliebig, sondern führen fortwährend zur Annäherung zwischen Zuschauer und Kunst. Die zu Anfang etwas gewöhnungsbedürftige Musik von Alfred Schnittke schafft immer wieder Abstand, das Objekt von neuem zu betrachten und wahrzunehmen. Eine weitere Stärke dieses im besten Sinne altmodischen und zugleich modernen Dokumentarfilms ist der vollständige Verzicht auf ein belehrendes oder väterliches Voice-over. Die einzige Person, die zu Wort kommt, ist Josephsohn selber, und das ist gut so. Schliesslich sind es seine Figuren und seine spärlichen Äusserungen („Ich denke in Plastiken; das tun die meisten Leute ja nicht.“), die die entrückte Atmosphäre ausmachen, und nicht seine Vergangenheit, über die glücklicherweise wenig gesprochen wird, so dass eine mögliche autobiographische Sinnsuche und biographische Deutungen des Werks gar nicht zugelassen werden.
Am Ende hat das Publikum tatsächlich ein Verständnis für die Skulpturen Josephsohns gewonnen und sieht sie in einem völlig anderen, neuen Licht. Mehr können sich die beiden Regisseure Matthias Kälin und Laurin Merz gar nicht wünschen!

Interview mit Matthias Kälin und Laurin Merz erschienen auf students.ch
http://www.students.ch/events/page_news_article.php?id=4101



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© Neue Zürcher Zeitung, 10. Mai 2007 Zürcher Kultur

von Suzanne Kappeler

Vom Werden einer Skulptur

«Josephsohn Bildhauer» - ein Film von Matthias Kälin / Laurin Merz

Der 87-jährige Bildhauer Hans Josephsohn, der, aus Ostpreussen stammend, seit Jahrzehnten in Zürich wohnt und arbeitet, erlebt seit wenigen Jahren erst die Wertschätzung, die er mit seinem Werk verdient. Matthias Kälin und Laurin Merz haben ihm ein Filmporträt gewidmet, das vor allem die künstlerische Arbeit im Atelier dokumentiert.

Lange Zeit als Geheimtipp unter Kennern gehandelt, gehören die Figuren Hans Josephsohns heute neben denjenigen von Alberto Giacometti zu den bedeutendsten plastischen Arbeiten der neueren Kunst. Sein stetes Vorantreiben der Arbeit, sein Ringen um die Form der Reliefs und Skulpturen machen das Werk des 87-Jährigen in ihrer Kompromisslosigkeit zu etwas Einmaligem. 2001 wurden die Arbeiten Josephsohns gleichsam aus ihrer Isolation herausgeholt und vom Galeristen Bob van Orsouw an der Art Basel präsentiert, was die Feuilletons enthusiastisch als Entdeckung feierten. 2003 dann wurde Josephsohn mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich geehrt.

Die Arbeit im Atelier

Die beiden Autoren von «Josephsohn Bildhauer» - der von Spiel- und Dokumentarfilmen her bekannte Kameramann Matthias Kälin und der Filmwissenschafter und Produzent Laurin Merz - sind seit ihrer Kindheit durch das Elternhaus mit der Arbeit des Bildhauers vertraut und mit Josephsohn-Skulpturen aufgewachsen. Atelierbesuche gehörten für sie zur kulturellen Bildung. So erstaunt es nicht, dass ihr Dokumentarfilm fast ausschliesslich um Josephsohns Arbeit im Atelier kreist und sie ihn als eine Art «Sehschule» in einem langsam fliessenden Rhythmus verstehen, die dem Zuschauer den Zugang zum teilweise sperrigen Werk erleichtern soll.

An einem Sommermorgen beginnt Josephsohn im Atelier zu arbeiten, und an einem Winterabend bei leichtem Schneefall am Ende des Films wird er es wieder verlassen. Der Film verdichtet sich so auf einen Arbeitstag des Bildhauers, der über die verschiedenen Jahreszeiten angelegt ist. Zum Atelier gehört ein von Bäumen und Büschen umstandener Hof, der ebenfalls als Arbeitsort dient und genauso mit Gipsfiguren und Gipsreliefs vollgestellt ist. Um sie vor Wind und Wetter zu schützen, packt der Bildhauer seine Figuren jeweils liebevoll in Plasticfolie ein und schiebt über die an der Hofwand hängenden Reliefs sorgfältig eine Art von Blechhäuschen.

Seit 1938 arbeitet der 1920 im ostpreussischen Königsberg geborene Hans Josephsohn in Zürich und fühlt sich hier inzwischen durchaus heimisch - obwohl er im Film dazu schmunzelnd meint: «Ich bin jetzt Zürcher, aber für euch bleibe ich wohl immer ein Zugezogener.» Er spricht denn auch keine Mundart, nur das schöne Wort «guet» fällt immer wieder. Den Menschen Josephsohn zeichnet im Film nicht zuletzt sein trockener Humor aus, der immer wieder aufblitzt. In gewitzten, kurzen Sätzen kommentiert er denn auch die Arbeitsvorgänge an den Gipsfiguren. Neben ihm äussert sich niemand zu seiner Arbeit, der Film wirkt so umso authentischer.

Während des Anrührens von Gips und des steten Anfügens des Materials mit dem Spachtel an eine Halbfigur, eine Liegende oder ein Relief hören wir nur das Schnaufen des Künstlers, der stets mit einer Zigarre im Mundwinkel arbeitet. Gleichzeitig ist er mit verschiedenen Skulpturen beschäftigt, fügt da eine Schicht hinzu und schlägt dort etwas weg. Als Zuschauer erfahren wir nur wenig Persönliches - etwa, wenn Josephsohn im Fotoalbum blättert und wir das Porträt eines gutaussehenden jungen Mannes erblicken, oder wenn er sehr kurz von seinem Wegzug aus Deutschland, seinen Reisen nach Italien und der Unterstützung und Ermunterung durch den Zürcher Bildhauer Otto Müller erzählt. Einmal wirft er schalkhaft ein: «Ich bin jetzt fünfundachtzig, könnte am See spazieren, hübschen Mädchen nachschauen und Schwäne füttern.» Um sich sogleich wieder zu korrigieren, dass er sich niemals vorstellen könnte, nur Hunde zu streicheln!

Die Arbeit steht im Zentrum des Films, der Totalen des Werks mit Details der arbeitenden Hände kontrastiert. Das Spiel mit dem Licht begleitet den Arbeitsprozess und lässt die massigen Gipsfiguren fragil erscheinen. Die Einstellungen sind lange und ruhig; die Autoren nehmen sich zurück, verstehen sich als Beobachter. Auch die Musik von Alfred Schnittke wird sparsam eingesetzt: immer dann, wenn die Kamera den Skulpturen entlangfährt, sei es im Atelier oder an Ausstellungsorten.

Schauplatzwechsel

Dramatik kommt auf, wenn der Film den Schauplatz wechselt und die Arbeit in der St. Galler Kunstgiesserei zeigt. Die Farbe verändert sich vom dominierenden Weiss und Grau des Ateliers zu glühendem Gelb und Rot des Gussofens. Zusammen mit dem Bildhauer verfolgen wir den Bronzeguss-Prozess, der vom Kunstgiesser Felix Lehner und von seinen Mitarbeitern viel Können verlangt, damit die charakteristische, unruhige Oberfläche der Gipsfiguren erhalten bleibt. Die fertigen Güsse sehen wir später als dunkle, fast düster wirkende Figuren in den beiden permanenten Ausstellungsräumen, im industriell wirkenden Kesselhaus in St. Gallen und im Museum La Congiunta in Giornico, das der Zürcher Architekt Peter Märkli wie eine Betonskulptur ohne Fenster gestaltet hat. Diese Einsprengsel - ebenso wie eine Reise nach Italien, die Josephsohn mit seiner Familie unternimmt - tun dem Film gut, unterbrechen die langen Atelier-Sequenzen. Diese geben zwar Eindrücke von der Ernsthaftigkeit der künstlerischen Arbeit, wirken stellenweise aber etwas langatmig.


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© Solothurner Zeitung, MLZ, 23. Januar 2007


«Werden Sie Bildhauer»
Hans Josephsohn Starker Künstlerfilm.

von Verena Zimmermann

«Josephsohn, werden Sie Bildhauer»: Was 1939 der Bildhauer Otto Müller zu dem 1920 in Königsberg in einer jüdischen Familie Geborenen sagte, «hat mir riesig Eindruck gemacht», sagt Hans Josephsohn heute.
Den Nazis war er nach Florenz ausgewichen. Seit 1938 lebt er in der Schweiz. Laurin Merz, Filmwissenschafter, Regisseur und Kameramann Matthias Kälin lassen Heiterkeit und Gelassenheit des Erzählers Josephsohn zur Geltung kommen und geben packende Einblicke in Arbeitsprozesse, den Aufbau von Skulpturen mit Gips, das Abtragen und Formen und in die Arbeit in der Giesserei. Dagegen steht die Ruhe des Betrachtens - im Atelier, im Josephsohn-Museum in Giornico, in der grossen Ausstellung im Kesselhaus in St. Gallen. Vor 30 Jahren hat Jürg Hassler mit seinem Film «Josephsohn - Stein des Anstosses» (1977) den Menschen und Künstler Hans Josephsohn mit seiner radikalen, rigoros den eigenen Überzeugungen folgenden Kompromisslosigkeit gezeigt und thematisierte, wie die offizielle Schweiz den Unangepassten kaltstellte und ihm lange das Bürgerrecht verweigerte. Dem heute 86-Jährigen und seiner künstlerischen Konsequenz wieder zu begegnen, berührt. (Canva Blue, 14.30 Uhr; Donnerstag, Landhaus, 12 Uhr.)



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© Neue Zürcher Zeitung, 25. Januar 2007

Auszug aus dem Artikel

Kein Jahr der grossen Premieren
Lust an der Komödie, Vergnügen am Dokumentarfilm
von Christoph Egger

(...) Verschlungene Hosenträger
Matthias Kälin ist (zusammen mit Hugues Ryffel) unter den führenden Schweizer Kameraleuten derjenige, der auch bei wunderbar nuanciertem Licht stets darauf achtet, dass der Raum in brillanter Schärfentiefe ausgeleuchtet erscheint.
Diese seine Kunst demonstriert er auch im schönen, zusammen mit Laurin Merz realisierten Film «Josephsohn Bildhauer». Dreissig Jahre nach Jürg Hasslers Annäherung sehen wir erneut den mittlerweile hochbetagten Zürcher Bildhauer Hans Josephsohn in seiner Kluft mit den abenteuerlich verschlungenen Hosenträgern, wie er, den Stumpen zwischen die Lippen gemeisselt, selbstvergessen-hellwach an seinem unaufhörlich weiter wachsenden Werk arbeitet - das Geschäft der Kunst besorgend, das ihn oft genug mit «Unsicherheit» erfüllt. (...)


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